Schon heute gibt’s mehr Alte als Junge

Bergstraße. Es geht bergab mit uns. Die Deutschen werden weniger. Aber auch älter und bunter. Alle müssen umdenken: Politik, Wirtschaft und Arbeitnehmer, Junge, Alte und Mittlere. “Die Zukunft ist nicht mehr die Verlängerung der Vergangenheit”, so der Publizist und Demografieexperte Dr. Winfried Kösters. Sein Plädoyer: Weil die gesellschaftlichen Verschiebungen mittelfristig nicht mehr aufzuhalten sind, müssen sich alle Beteiligten auf die veränderten Bedingungen einstellen. Wenn der Nachwuchs fehlt, müssen neue personelle Ressourcen erschlossen werden.

Ohne die Alten geht nichts mehr

Im Rahmen der bundesweiten Demografie-Woche, die heute zu Ende geht, hatte der Bergsträßer Eigenbetrieb Neue Wege zu einem “Demografie-Tag” ins Lorscher Museumszentrum eingeladen. Vertreter aus Wirtschaft, Arbeitsförderung und sozialen Einrichtungen sowie Bildungsträger aus der Region diskutierten die Herausforderungen in einer älter werdenden Gesellschaft.

Mit Kösters war einer der profiliertesten Kenner des Themas vor Ort. In seinem einstündigen Vortrag beleuchtete er die vielfältigen Auswirkungen der demografischen Enzwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven. Fazit: Ohne die Alten geht bald gar nichts mehr.

“Mit 72 Bundespräsident?” lautete der Titel der Veranstaltung, zu der gut 60 Gäste – aus unterschiedlichen Altersklassen – in den Paul-Schnitzer-Saal gekommen waren. Ihnen schrieb der Moderator, Trainer und Berater mit leidenschaftlicher Vehemenz hinter die Ohren, dass es ein “Weiter so!” nicht geben kann und geben darf. “Die Welt von heute hat in 20 Jahren aufgehört zu existieren.” Kösters will zum Umdenken motivieren, bezweifelt aber zugleich, dass die Politik in der Lage ist, das Thema nachhaltig auf der Agenda festzunageln. Als Demografiestratege der Bundesregierung sitzt er immerhin in der Nähe jener Hebel, die die Weichen stellen können.

Mehr Alte als Junge: Eine solche demografische Situation habe es in der Menschheitsgeschichte niemals gegeben. Schon heute würden mehr Inkontinenz-Hilfen als Babywindeln verkauft. Für die Nation gehe es nicht um das “ob”, sondern um das “wie” der Umstellung. Ein Ruhestand mit 60 sei weder zukunftstauglich noch realistisch. Um die Volkswirtschaft auf Trab zu halten, müsse man mit dem Irrglauben aufräumen, dass man auf die ältere Generation verzichten könne. Auch die Definition, was alt ist, benötige eine kollektive Restauration: “Die 60-jährige Frau, die zu Hause hockt und Socken für die Enkel strickt, gibt es längst nicht mehr.” Die Gruppe derer im Alter von 50 plus dürfe nicht mehr öffentlich diskreditiert werden. Statt von “seniorengerecht” spreche man heute von “generationenfreundlich”.

Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften haben laut Kösters ein völlig falsches Bild von der tatsächlichen Situation. In einem Land mit einer seit vier Jahrzehnten konstanten Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau seien spontane Reparaturen unmöglich. “Das ist Mathematik.” Es gehe darum, sich mit einer unvermeidlichen Zukunft bestmöglich zu arrangieren. “Was nicht heißt, dass wir nicht wieder mehr Kinder machen sollten.” In anderen Ländern funktionierte das recht gut. “Das Verfahren ist das gleiche.”

Besonders die Arbeitswelt sei aufgefordert, neue Zielgruppen zu erschließen, um den anklopfenden Personalmangel einigermaßen abfedern zu können. Er rät: Die Unternehmen müssen flexibler werden, um überleben zu können.

Die Masse der Älteren sei das größte Potenzial. Sie bringen Erfahrung, Zuverlässigkeit und Wissen mit. Wer einen 70-Jährigen aufgrund seines Alters nicht einstellt, lebe in einer irrationalen Scheinwelt und betreibe keine kreative Personalpolitik. “Der Begriff vom alten Eisen stimmt nicht mehr.” Beim Blick auf die Alterspyramide offenbart sich: Die Senioren von heute sind Gold wert.

Doch wir werden auch bunter: Schon 16 Millionen Deutsche und bereits jedes dritte hier geborene Kind besitzen einen sogenannten Migrationshintergrund. Diese Gruppe müsse nicht nur beruflich, sondern auch sprachlich und gesellschaftlich viel stärker eingebunden werden. “Wir haben 40 Jahre lang aneinander vorbei gelebt”, betont Kösters. Eine kommunale Integrationspolitik sei daher schleunigst nötig. Interkulturelle Kompetenz wird immer wertvoller. Aber es gibt noch viel zu tun: In Deutschland gehört das Ausländerrecht in den gesetzlichen Bereich “Gefahrenabwehr”. Klingt wenig einladend.

Menschen mit Handicap

Ein weitere wichtige Personalressource sind Menschen mit einem Handicap, die nach ihren individuellen Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt aktiviert werden könnten. “Viele mit einer offiziell 100-prozentigen Behinderung sind zu 95 Prozent und mehr einsatzfähig”, so Winfried Kösters. Arbeitgeber müssten auf dieses Potenzial zugreifen, um nicht auszubluten.

Fazit und Ausblick des Demografieexperten: “Wir müssen uns grundlegend neu organisieren.” Ohne eine angepasste Ausrichtung an erweiterte Zielgruppen könnten wirtschaftlicher Wohlstand, eine funktionierende Arbeitswelt und sozialer Frieden nicht erhalten werden.

Bergsträßer Anzeiger, 18.10.2012

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