Gesprächsbereitschaft öffnet Türen

Im Dialog über die „Aufsuchende Hilfe“ –
Ein Hilfsangebot von Neue Wege in Kooperation mit der Kombrecht-Engel-Schule

Daniel Biundo ist seit Januar 2013 Leiter des kommunalen Jobcenters Viernheim. Seine
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermitteln und betreuen Menschen im Arbeitslosengeld II-Bezug aus der Stadt Viernheim. Von rund 32.800 Einwohnern sind 698 Personen arbeitslos gemeldet und beziehen Leistungen nach dem SGB II – Hartz IV. Für Langzeitarbeitslose, die auf Grund multipler Problemlagen überlastet sind und ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können, steht seit 2012 ein Unterstützungsangebot in Kooperation mit der Kombrecht-Engel zur Verfügung, die „Aufsuchende Hilfe“. Für ein Gespräch über die Entwicklung des Projekts trafen sich der Leiter des Jobcenters Viernheim und der Leiter der Kombrecht-Engel-Schule. Neue Wege unterhielt sich mit den Beteiligten.

Neue Wege:

Was versteht man unter der Maßnahme Aufsuchende Hilfe? Wann kommen Sie
zum Einsatz?

Schierk:

Die Aufsuchende Hilfe ist ein Projekt, bei dem es darum geht, Menschen, die nicht mehr im Kontakt mit „ihrem“ Mitarbeiter im Jobcenter stehen, wieder in den Dialog mit Jobcenter zu bringen. Unsere Aufgabe ist es, eine stabile und beständige Brücke zurück zum Fallmanager zu bauen.

Biundo:

Die Aufsuchende Hilfe setzt da an, wo unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr weiterkommen. Personen mit schwierigen Biografien, einschneidenden Erlebnissen oder gesundheitlichen Problemen verlieren oft ihren Lebensplan und kapseln sich ab. Dann steht nur die Geldleistung des Jobcenters im Vordergrund, die Möglichkeiten der Förderung in Form von angebotenen Maßnahmen wird auf Grund der multiplen Problemlagen nicht
genutzt.

Neue Wege:

Wie wird der Kontakt zum Betroffenen hergestellt?

Schierk:

Nach Mitteilung durch den Fallmanager versuchen wir telefonisch Kontakt mit dem Betroffe-nen aufzunehmen. Sollte dies nicht gelingen, versenden wir ein Anschreiben, in dem wir uns und unser Angebot vorstellen und eine Kontaktaufnahme anbieten. Wenn auch darauf keine Reaktion erfolgt, suchen wir die Person zu Hause auf.

Biundo:

Im Schnitt dauert es ein bis zwei Wochen, bis eine Reaktion erfolgt. Daher ist es wichtig, den Menschen Zeit zu geben, um sich auf das Angebot einzulassen. Druck hat meist erst Recht einen Rückzug zur Folge. Wenn ein Kontakt entsteht, ist er wie eine zarte Pflanze, die gehegt werden muss.

Neue Wege:

Warum ist die Aufsuchende Hilfe ein benötigtes Instrument?

Biundo:

Für Jugendliche unter 25 Jahren gibt es schon lange verschiedene Angebote mit aufsuchen-den Komponenten, nicht jedoch für Ältere. Diese Personen können mit der Aufsuchenden Hilfe seit Anfang 2012 gezielt unterstützt werden. Unsere Fallmanager haben leider nicht die Möglichkeit sich so intensiv um jeden Leistungsbezieher zu kümmern wie es die Mitarbeiter der Aufsuchenden Hilfe tun. Wir haben häufig nur den Menschen auf dem Papier vor Augen, der persönliche Kontakt findet nicht regelmäßig statt. Standardlösungen greifen hier nicht.

Schierk:

Es geht darum dem Betroffenen eine Perspektive aufzuzeigen und ihn auf dem Weg aus der Isolation zu begleiten. Viele der Betroffenen haben sich mit ihrer Situation arrangiert und sehen ihre Probleme nicht. Mit unserer Hilfe können sie angegangen werden.

Neue Wege:

Welche Hilfestellung können Sie genau bieten?

Schierk:

Wir begleiten gegebenenfalls zu Behörden oder Ärzten, je nach Wunsch. Es ist auch schon wichtig, dem Teilnehmer zuzuhören – viele sind alleinstehend und haben keine oder kaum soziale Kontakte. Wenn dann jemand kommt, sich Zeit für Gespräche nimmt und zuhört, ist dies eine Wertschätzung, die gut tut. Sensible Themen benötigen Vertrauen zum Ge-sprächspartner. Auf Wunsch ist es deshalb auch möglich, dass bestimmte Themen nicht mit unserer Mitarbeiterin Frau Ziden, sondern mit einem unserer männlichen Mitarbeiter besprochen werden.

Neue Wege:

Was sind die häufigsten Gründe, warum der Kontakt zum Fallmanager abbricht?

Schierk:

Es gibt Leistungsbezieher, die ein Grundmisstrauen mitbringen. Der Kontakt zum Fallmanager steht auf wackligem Eis und kann leicht brechen. Dazu kommen individuelle Probleme – eine Perspektive fehlt. Gerade auch viele junge Menschen sind von Erlebnissen in ihrer Kindheit geprägt und haben eine schwierige Biografie.

Biundo:

Viele Menschen schaffen es auch ihre Probleme lange Zeit zu verstecken, doch irgendwann kann das Gerüst nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Aufsuchende Hilfe kann dann Impulse geben das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und etwas zu verändern. Oft ist es ein ganzes Geflecht an Problemen, das zusammen kommt – Scham, Resignation, Verärgerung über das System, Krankheit, psychische Probleme sind nur einige Beispiel. Sobald an einem Problem gearbeitet wird bewegt sich alles mit, ein Stein kommt ins Rollen. In dieser Situation benötigen die Teilnehmer einen qualifizierten Partner, der ihnen zur Seite steht und eine Brücke zu Hilfsangeboten baut.

Neue Wege

Wie ist die Resonanz der Betroffenen? Welche Erfolge können Sie verzeichnen?

Schierk:

Die Resonanz ist überwiegend positiv. Die Kunden haben nicht das Gefühl in einen rechtli-chen Rahmen eingebunden zu sein, dass macht die Zusammenarbeit leichter und öffnet viele Türen, die den Fallmagern zeitweise verschlossen sind.

Biundo:

Wir haben gemerkt, dass sich die Personengruppe, die wir betreuen verändert – der größte Teil der Leistungsbezieher wurde in Arbeit vermittelt. Wir kümmern uns momentan haupt-sächlich um Menschen, die schon lange im Bezug stehen. Unser Maßnahmeangebot wird deshalb stetig an die Bedürfnisse der Arbeitslosengeldbezieher angepasst. infolgedessen ist die Aufsuchende Hilfe ein sehr gutes Angebot, dass es ermöglicht sich intensiv um Einzelfälle zu kümmern. Auch Kritik nehmen wir gerne an – nur so können wir etwas verbessern. Wir stellen uns dann die Frage, welches Angebot wir machen können, damit es wieder „passt“.

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