Wieder im Dialog

Ein Gespräch über die „Aufsuchende Hilfe“

Christian Bayer ist seit September 2006 Leiter des kommunalen Jobcenters Ried in Bürstadt. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermitteln und betreuen Menschen im Arbeitslosengeld II-Bezug aus den Gemeinden Biblis, Groß-Rohrheim, Lampertheim und Bürstadt. Von rund 59.700 Einwohnern sind 969 Personen arbeitslos gemeldet und beziehen Leistungen nach dem SGB II – Hartz IV. Für Langzeitarbeitslose, die auf Grund multipler Problemlagen überlastet sind und ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können, steht seit 2012 ein Unterstützungsangebot in Kooperation mit dem KuBuS e.V. zur Verfügung, die „Aufsuchende Hilfe“. Für ein Gespräch über die Entwicklung des Projekts trafen sich der Leiter des Jobcenters Ried und Alexander Jakusch, der seit Anfang 2012 betroffene Menschen des Jobcenters im Rahmen der Aufsuchenden Hilfe betreut. Neue Wege unterhielt sich mit den Beteiligten.

Neue Wege:

Was versteht man unter der Maßnahme Aufsuchende Hilfe? Wann kommen Sie zum
Einsatz?

Jakusch:

Die Aufsuchende Hilfe ist ein Angebot für Arbeitslosengeld II-Bezieher, bei denen sich der Kontakt zum zuständigen Mitarbeiter im Jobcenter schwierig gestaltet. Oft wird der Kontakt zum Jobcenter vollständig eingestellt, Briefe nicht mehr geöffnet, auf keinen Versuch der Kontaktaufnahme mehr reagiert.

Bayer:

Unser Tagesgeschäft funktioniert ohne den gemeinsamen Dialog mit dem Leistungsbezieher nicht mehr. Wir warten beispielsweise auf fehlende Unterlagen. Wenn diese nicht eingereicht werden, können Anträge nicht bearbeitet werden. So kommt eins zum anderen – Leistungen können nicht ausgezahlt werden.

Neue Wege:

Wie wird der Kontakt zum Betroffenen hergestellt?

Jakusch:

Die Kontaktaufnahme erfolgt per Brief in dem wir uns und unser Angebot vorstellen. Wir haben gute Erfahrungen mit dieser Art der Annäherung gemacht – über die Hälfte der Kontaktierten reagiert auf unser Angebot. Der nächste Schritt bei Nichtreagieren wäre ein telefonisches Kontaktieren oder ein Hausbesuch. Ziel der Bemühungen ist es, einen ersten persönlichen Gesprächstermin am Ort der Wahl des Teilnehmers auszumachen. Kommt es zu einem Treffen, werden Auftrag sowie die Möglichkeiten und Grenzen des Kontakts erklärt. Wir legen von Anfang an großen Wert auf Transparenz und Vertrauenswürdigkeit.

Neue Wege:

Warum ist die Aufsuchende Hilfe ein benötigtes Instrument?

Jakusch:

Die Aufsuchende Hilfe greift bei Personen, bei denen alle anderen Versuche der
Kontaktaufnahme durch das Jobcenter nicht gelungen sind. Wir als neutrale Stelle haben einen ganz anderen Zugang zu den Betroffenen. Das Angebot ist freiwillig, sie können sich ohne Druck entscheiden, ob sie unser Angebot annehmen möchten oder nicht. Wir sind an die Schweigepflicht gebunden – neutrale Dritte. Mit unserer Arbeit können wir mehr Klarheit in einen Fall bringen.

Bayer:

Primäres Ziel ist es, überhaupt wieder einen Kontakt zu uns herzustellen oder den betroffenen Menschen dahingehend zu unterstützen, dass sich eine bestehende, aber problematische Zusammenarbeit wieder verbessert und ohne Unterstützung von Herrn Jakusch wieder funktioniert.

Neue Wege:

Welche Hilfestellung können Sie genau bieten?

Jakusch:

Wir benennen gemeinsam mit dem Teilnehmer die Hemmnisse, Beschwerden und Konflikte, die die aktuelle Lebenssituation beeinflussen und überlegen, wie die Probleme Schritt für Schritt gelöst werden können. Wir holen auch Dritte mit ins Boot und verweisen die Betroffenen beispielsweise an Sucht- oder Schuldnerberatungen mit denen wir ebenfalls in engem Kontakt stehen. Auch bei Behördengängen stehen wir gerne zur Seite. Der Fallmanager wird, sofern vom Teilnehmer gewünscht, über die eingeleiteten Schritte auf dem Laufenden gehalten. Es soll so schnell wie möglich erreicht werden, den Teilnehmer wieder zum Fallmanager zurückzuführen.

Bayer:

Die Teilnehmer sollen motiviert werden in regelmäßigem persönlichen Kontakt mit Herrn Jakusch zu bleiben, damit eine stabile Arbeitsbeziehung entsteht.

Neue Wege:

Was sind die häufigsten Gründe, warum der Kontakt zum Fallmanager abbricht?

Jakusch:

Oft haben sich beide Seiten aneinander aufgerieben, die Kommunikation funktioniert einfach nicht mehr. Die Mehrzahl der Betroffenen hat eine Vielzahl an Problemen, die ihren Alltag beeinflussen – Überschuldung, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, Ärger mit dem Vermieter, familiäre Schwierigkeiten. Oftmals wurde auch einfach die Post über einen längeren Zeitraum nicht mehr geöffnet.

Neue Wege

Wie ist die Resonanz der Betroffenen? Welche Erfolge können Sie verzeichnen?

Jakusch:

Die Resonanz ist in der Mehrheit sehr positiv. Auch jene, die erst misstrauisch sind, nehmen das Angebot meist doch an. Manchmal ist es nur ein kleiner Einsatz, der große Wirkung hat. Die Probleme übersteigen oft die Kompetenz der betroffenen Personen – häufig wird das aber erst mit unserer Hilfe erkannt. Unser größter Erfolg ist natürlich, wenn der Teilnehmer seinen Weg mit unserer Unterstützung findet und letztendlich auch wieder in regelmäßigem Kontakt mit dem Fallmanager steht.

Bayer:

Man muss bedenken, dass bei diesem Projekt nicht die unmittelbare Vermittlung im Vordergrund steht, sondern in den meisten Fällen überhaupt die Herstellung eines funktionierenden dauerhaften Kontakts. Ist dies gelungen, kommt durch die intensive Betreuung auch das Selbstvertrauen der Teilnehmer in die eigenen Fähigkeiten zurück. So kann dann auch die Rückkehr in die Gemeinschaft gelingen und irgendwann wird der Sprung in die Erwerbstätigkeit geschafft.

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