„Wenn jemand wirklich will, kann man etwas bewegen!“ – U 25-Fallmanagerinnen von Neue Wege im Gespräch

Fast alle Jugendlichen im Leistungsbezug nach dem SGB II haben die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn die Familie von „der Stützte“ leben muss. Die jungen Menschen erleben gesellschaftliche Ausgrenzung, wissen wie es ist jede Ausgabe genau zu überdenken – Perspektivlosigkeit wurde ihnen oft vorgelebt. Hinzu kommt, dass der Übergang von Schule in die Erwerbstätigkeit für Jugendliche heute länger und komplexer ist als bei den Eltern. Nach der allgemein bildenden Schule ist eine Reihe von Übergängen zu bewältigen, bis eine Anstellung im erlernten Beruf gefunden wird.

Einmal Hartz IV – immer Hartz IV? Dieser Meinung sind Sylvia Senghas, Petra Starost und Susanne Jüttner, Fallmanagerinnen für Jugendliche unter 25 Jahren im Jobcenter Viernheim nicht. Tagtäglich sind die Fallmanagerinnen mit den verschiedensten Problemen der Jugend-lichen konfrontiert. Ungünstige Voraussetzungen seien allerdings nicht der Garant für schlechte Zukunftsaussichten, sagen sie.

Wo liegen die Probleme bei der Arbeit mit Jugendlichen?

Senghas:

Die Jugendlichen kommen teilweise mit einer totalen Verweigerungshaltung zu uns – eine Vertrauensbasis ist dann die Grundlage, die zu allererst geschaffen werden muss. Die Rolle des Jobcenters, des Fallmanagers und des Kunden muss klar definiert sein – getreu unserem Grundsatz Fördern und Fordern. Das Vertrauen entsteht durch Offenheit: Alle Wege, die gegangen werden können gehören ebenso dazu wie auch die Konsequenzen, die eine totale Ablehnungshaltung des Jugendlichen zur Folge hat. Es ist wichtig zu signalisieren „Ich hab etwas für dich, wenn du willst“. Wir können viele Hilfsangebote und Maßnahmen zur Weiter-bildung anbieten, unsere Kunden müssen die Angebote nur annehmen.

Jüttner:

Viele erfüllen oftmals nicht die Anforderungen, die von jedem erwachsenen Mitglied unserer Gesellschaft erwartet werden: Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Im Gegenzug wird das aber von uns als Fallmanagerinnen erwartet. Fehlzeiten sind häufig der Grund, warum der Schulabschluss nicht geschafft wird. Wenn jemand vollkommen demotiviert ist, müssen wir gemeinsam mit dem Kunden nachforschen, woran es liegt. Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Wir stehen unter anderem in engem Kontakt mit den Schulen, dem Jugendamt, der Agentur für Arbeit, der Familienkasse und verschiedenen Trägern, um eine optimale Hilfestellung zu gewährleisten.

Starost:

Die Unsicherheit bezüglich der Zukunft und Erwartungen, die an die Jugendlichen gestellt werden, führen dazu, dass der Übergang von Schule in Arbeit für viele Jugendliche eine Belastung darstellt. Sätze wie „Ich bin zum Chef geboren, ich möchte in eine Führungsposition“ bekommen wir oft zu hören. Die Jugendlichen sind wenig realistisch, was ihre Zukunftspläne betrifft. Die Schulen informieren unserer Erfahrung nach nicht genug, auch durch ein Abi stehen nicht alle Türen sofort offen. Bis man beim Ziel „Job“ ankommt, muss viel Einsatz gebracht werden.

Was sind die häufigsten Probleme mit denen die Jugendlichen zu kämpfen haben?

Jüttner:

Bei vielen beginnen die Probleme schon im Elternhaus – oft kennen die Jugendlichen nur das Leben mit Sozialleistungen, viele Eltern leben schon in der zweiten oder dritten Generation mit Unterstützung. Die Schwierigkeit ist dann aus diesem Kreis auszubrechen und einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Wenn dann noch der Schulabschluss nicht gepackt wird, fallen viele in ein Loch, greifen beispielsweise zu Drogen. Aber auch in solchen Fällen können wir Hilfe anbieten – Möglichkeiten gibt es immer! Wir arbeiten mit verschiedenen Institutionen zusammen, bieten Sucht- und Schuldnerberatung an. Auch für Alleinerziehende gibt es beispielsweise spezielle Maßnahmen und Ausbildungen in Teilzeit.

Senghas:

Wir haben es vermehrt mit aggressiven und rebellischen Jugendlichen zu tun, die dieses Verhalten schon vom Elternhaus her kennen. Dabei sind gerade die Eltern gefordert, den Kindern den Rücken zu stärken. Ist dieser Halt nicht vorhanden, ist es schwierig. Es gibt jedoch auch zahlreiche Hilfsangebote, die die Eltern wahrnehmen können, die jedoch häufig nicht angenommen werden. Es gibt Erziehungsberatungsstellen oder auch Familienhelfer die direkt nach Hause kommen. Auf der anderen Seite gibt es auch Eltern, die den Jugendlichen zu viel Druck machen und auf einen guten und hohen Schulabschluss drängen, den die Jugendlichen nicht schaffen.

Welche Erfolge können Sie beispielsweise verzeichnen?

Jüttner:

Eine junge Familie mit einem Kleinkind, beide Elternteile mit Schulabschluss aber ohne Ausbildung, hat nach langem Zögern einen Antrag auf Leistungen nach dem SGB II gestellt. Der junge Vater konnte die Familie nach der Geburt des Kindes mit dem 400 Euro-Job nicht mehr versorgen. In der Maßnahme „Aktivierungshilfen für Jüngere“ erhielt er gezielte Unterstützung bei der Stellensuche und hatte nach kurzer Zeit das Angebot, 2012 eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker zu beginnen.

Starost:

Durch die enge Zusammenarbeit mit unserem Arbeitgeberservice, der in direktem Kontakt zu regionalen Firmen steht, konnten wir schon oft Praktikumsplätze vermitteln, die im Anschluss zur Ausbildung oder Anstellung geführt haben. Jüngstes Beispiel: Einer jungen Frau mit Realschulabschluss, die sich für den Verkauf interessierte wurde ein Praktikum bei einer Drogeriemarktkette vermittelt. Sie lebt allein mit ihrer Mutter, die schon seit mehreren Jahren Sozialleistungen bezieht. Die junge Frau war sehr motiviert, was auch schon der gute Schulabschluss zeigte. Der Willen und die Leistungsbereitschaft sind auch dem Arbeitgeber aufgefallen: Das Praktikum erwies sich als Erfolg für beide Seiten – sie befindet sich inzwischen im zweiten Ausbildungsjahr und kann sich selbst finanzieren.
Eine weiteres aktuelles Positivbeispiel und ein Schritt in Richtung Arbeitsmarkt, war für viele Jugendliche ein Besuch des Bewerbertags des Chemiekonzerns BASF, der im Juni bei uns im Jobcenter Viernheim stattfand. Dieses Jahr sind im Unternehmen noch zahlreiche Ausbildungsstellen wie beispielsweise im Bereich Gastronomie und Hotel, in der Produktion oder im handwerklichen Bereich zu besetzen. Zwei Personalverantwortliche des Unternehmens gaben an diesem Tag den jungen Bewerbern die Möglichkeit sich und ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Stimmten die Voraussetzungen, wurden die Teilnehmer direkt zum Eignungstest in den Betrieb eingeladen. Der Erfolg und das strahlende Gesicht einer meiner Kundinnen, die diese Plattform nutze und mit Bewerbungsunterlagen und Zeugnis im Jobcenter vorbei kam, freute mich besonders. Sie ist schon monatelang auf Ausbildungsplatzsuche und hat sich auf viele verschiedene Stellen beworben. Bis jetzt hat sie nur Absagen bekommen oder wartet noch auf Rückmeldung der Firmen. Deshalb hat sie sich sehr über die Chance gefreut, sich endlich einmal persönlich vorzustellen zu können. Das Gespräch lief gut und sie ist zum Eignungstest eingeladen.

Senghas:

Wenn der Kunde/die Kundin wirklich will, können wir innerhalb kurzer Zeit gemeinsam etwas bewegen. Wir hatten schon Jugendliche, die innerhalb einer Woche vermittelt wurden. Es ist allerdings ein Geben und Nehmen, ohne Mitwirkung auf der anderen Seite funktioniert es nicht. Das ist das Schöne an unserem Beruf: Wenn jemand wirklich will, kann man etwas bewegen.

Gemeinsames Fazit: Wer will, kann der Chancenlosigkeit entfliehen, Hilfsangebote und auch Unterstützung jedweder Art gibt es – sie müssen nur genutzt werden.

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